Weihnachtsgruß

„In ein Neues
Wenn´s alte Jahr erfolgreich war,
Mensch, freue dich auf´s Neue.
Und war es schlecht,
ja, dann erst recht. (Karl-Heinz Söhler)


Liebe Bürgerinnen und Bürger,
wiederum hat uns das vergangene Jahr durch den Umgang mit Corona enorm beschäftigt.
Zumindest in Sachsen müssen wir am Jahresende erneut starke Einschränkungen erdulden.
Als ich im letzten Jahr meinen Weihnachtsgruß schrieb, hätte ich dieses „déjà-vu“ nicht
erwartet. Inzwischen sehnt sich wohl jeder unbeschreiblich stark nach Normalität.
Die Meinungen, wie diese erreicht werden kann, gehen jedoch auseinander. Die Vielzahl von
Erkrankungen bei Kindern und Erwachsenen auch in Lommatzsch und die damit
verbundenen Folgen – ich denke beispielsweise an kurzfristige Quarantäne für ganze Klassen
in der Grundschule, die vorübergehende Schließung der Oberschule Anfang Dezember oder
die kurzfristige Umstellung auf Notbetreuung im Hort in der letzten Woche – belasten alle
Betroffenen stark. Generell werden wohl etliche Kinder lange mit den Folgen der sozialen
und pädagogischen Einschränkungen der letzten 21 Monate zu kämpfen haben. Aber auch
etliche Erkrankte müssen möglicherweise mit Langzeitfolgen der Krankheit umgehen. Egal
wie das Jahr mit Corona für jeden Einzelnen von uns war, besonders schön war es sicher für
niemanden!
Trotzdem kennt jeder von uns nur seinen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit, nämlich sein
eigenes unmittelbares tägliches Erleben. Alles, was jemand von jemanden erfährt – egal ob
aus persönlichen Erzählungen, Medienberichten oder sozialen Medien – basiert auf Quellen
der Information. Und jeder baut sich aus diesen Deutungen mit seinen emotionalen
Vorprägungen sein Bild der Wirklichkeit. Gefühle und persönliche Prägungen spielen für das
gegenseitige Verständnis von Menschen eine entscheidende Rolle. Es prägt die eigene
Wahrnehmung der Lage, ob man schlimm oder weniger schlimm krank war, ob, wie oft oder
wie lange man in Quarantäne musste. Es prägt sie auch, wenn man einen lieben
Angehörigen aufgrund der Erkrankung verloren hat oder schwer kranke Menschen begleiten
musste. Es prägen aber auch Sorgen um die berufliche Existenz, wenn man die neuerlich
erzwungenen beruflichen Einschränkungen erdulden muss, aber nur unzureichenden
finanziellen Ausgleich erwarten kann. Es prägt die Wahrnehmung, wenn man seine Freizeit
nicht wie gewohnt verbringen kann oder Treffen mit Freunden fehlen. Es prägt sie aber
auch, wenn die Schutzmaßnahmen widersprüchlich scheinen und fraglich in ihrer Wirkung.
Es prägt Menschen, wenn sie sich hilflos gegenüber staatlichen Maßnahmen fühlen, die
plötzlich als verhältnismäßiger Eingriff in die Grundrechte gelten. Es prägt das Hin und Her
der Politik mit gegenseitigen Schuldzuschreibungen an einer unheilvollen Lage. Es prägt, jede
Verkündung von „absoluter Wahrheit“, die morgen schon wieder eine andere ist. Alle diese
Dinge prägen die Wahrnehmungen der Wirklichkeit jedes Einzelnen von uns und führen zu
einer Vielzahl subjektiver Ansichten. Auch Politiker werden in ihrer Meinung und in ihrem
Handeln auf diese Weise geprägt. Manche von ihnen stimmen vor diesem Hintergrund auch
für Gesetze, die sie sich in ihrer Grundrechtsrelevanz vor sechs Monaten noch nicht
vorstellen konnten. Dadurch fällt aber zunehmend gegenseitige Verständnis schwer. Zorn
entsteht gegenüber „Unvernünftigen“ und Wut gegenüber „Eiferern“. Die Stimmung
verhärtet sich, in Worten schwingt Gewalt mit.
In unserer kleinen Stadt möchte ich eine solche Stimmung nicht aufkommen lassen. Ich
lehne jedwede Form von Zwang und Gewalt in diesem Zusammenhang ab. Frieden und
gesellschaftlicher Zusammenhalt in unserer Kommune sind mir sehr wichtig. Dafür sollen wir
auch im nächsten Jahr weiter miteinander reden können und müssen!
Es ist wichtig, sich gegenseitig aus seinen Ausschnitten der Wirklichkeit zu erzählen. Es ist
wichtig, sich gegenseitig Fragen zu stellen und gegensätzliche Haltungen zu thematisieren.
Dabei muss man sich aber auch zuhören wollen. Es ist wichtig, dass friedliche
Meinungsäußerungen im Rahmen der Gesetze auch im öffentlichen Raum möglich sind. Es
ist wichtig, gemeinsam auch in schwierigen Zeiten im konstruktiven demokratischen Diskurs
um gute Lösungen für alle zu ringen. Dabei sind Empathie und Verständnis für den jeweils
Andersdenkenden notwendig. Was aber niemand erwarten kann ist, dass die eigenen
„Wahrheiten“ auch von anderen als die „überzeugenden Wahrheiten“ aufgenommen
werden. Wenn ein Gespräch aber beiträgt, Perspektiven anzunähern, besteht die Chance auf
Verständigung. Ich bin optimistisch, dass uns das Miteinander in Lommatzsch so gelingt.
Diejenigen, die vor dem Rathaus in friedlicher Absicht Kerzen aufgestellt haben, wollen
genau das: ein friedliches Miteinander, gegenseitigen Respekt, Akzeptanz verschiedener
Meinungen und Zusammenhalt.
Möge das neue Jahr 2022 für uns alle wieder einfacher und besser werden. Möge der
Weihnachtsabend mit der Kraft des Lichtes und der Botschaft der Hoffnung uns allen dafür
Zuversicht und Kraft bringen.


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen geruhsame, besinnliche und genussvolle Feiertage und
alles erdenklich Gute für 2022!